Login Drucken

Diskriminierung sogar in Bedienungsanleitungen - Behinderte werden als Asexuelle behandelt

Kolumne vom 14.08.2010

In der Bedienungsanleitung für einen Staubsauger steht der Satz: "Der Staubsauger darf von Kleinkindern und Behinderten nur unter Aufsicht verwendet werden".
Meine erste Reaktion: "Haha, da hat sich wieder jemand in Amiland eine fette Entschädigung erstritten".
Die Geschichten mit dem Hund in der Mikrowelle oder dem heißen Kaffee beim Bulettenröster sind ja nun wirklich Allgemeingut.
Warum steht wohl auf amerikanischen Mikrowellenöfen: "Keine lebenden Tiere hinein tun", oder auf den Kaffebechern amerikanischer Frikadellenbrätereien: "Vorsicht, heiß!"?
Diesmal hat wohl irgendwer sich mit einem zweckentfremdeten Staubsauger verletzt.

von Robert Schneider

Warum bekomme ich die Szenen aus diversen SitComs nicht aus dem Kopf, in denen sich der meistens retardierte Sohn der Gastgeberin auf eine Weise mit dem Staubsauger beschäftigt, die nicht gerade als jugendfrei zu bezeichnen ist? Mmmh, ich muss jetzt unbedingt an etwas anderes denken!

Na gut, ich denke mich jetzt mal in ein Land südlich der Niagara-Fälle. Mein Rollstuhl ist kaputt. Was soll's, mein Bodenstaubsauger hat ja auch Rollen. Was mache ich, ich setze mich auf den Bodenstaubsauger und ziehe mich mit den Händen vorwärts. Ich weiß, das Beispiel hinkt auf allen vier Pfoten, aber es ist ja auch nur ein Beispiel. Das Ergebnis sind Hautabschürfungen an den Füßen, die ich wegen der fehlenden Sensibilität erst feststelle, weil mir das Blut aus der inzwischen fehlenden Haut meinen neuen Teppichboden versaut hat.

Ich ärgere mich jetzt nicht über meine eigene Blödheit, nein ich rufe meinen Anwalt an. Der kommt auch sofort mit seinem eigenen Forensik-Team, das alles ausführlich dokumentiert und prozesstechnisch wasserdicht vorbereitet.

Beim folgenden Prozess gegen den Hersteller des Staubsaugers bekomme ich eine Entschädigung von 12,3 Millionen Dollar zugesprochen, weil nicht in der Bedienungsanleitung stand, dass der Staubsauger nicht zur Personenbeförderung eingesetzt werden darf. Weitere 10,8 Millionen bekomme ich, weil ich den Staubsauger ja nur aufgrund meiner Behinderung zweckentfremden musste, der Staubsauger also nachweislich nicht behindertengerecht gestaltet war.

Ihr lacht? Es gibt genügend Beispiele, in denen Menschen auf noch viel abwegigere Ideen kamen. Warum stehen wohl auf Zigarettenschachteln diese daramatischen Warnungen? Weil Tabakkonsum ungesund ist? Das wissen wir auch ohne die Warnungen. Weil die Gesundheitsminister dadurch die Folgekosten verringern wollen? Quatsch! Eine Sammelklage gegen einen Tabakwarenhersteller hat einen mehrstelligen Millionenbetrag in die Taschen einiger cleverer Anwälte gespült, weil eben dieser Text nicht auf den Verpackungen stand. Ein paar Hinterbliebene von Menschen, die an den Folgen jahrzentelangen starken Rauchens gestorben sind, haben sich daran auch noch eine goldene Nase verdient. Pietät? Was ist das denn bitte? Jeder Raucher weiß genau, was er sich damit antut.

So, jetzt lassen wir den ganzen Vorfall in Deutschland ablaufen: Rollstuhl kaputt, ich nehme ersatzweise den Bodenstaubsauger, gleiches Ergebnis. Mein Anwalt schickt mir höchstens eine Schmerzensgeldforderung, weil er bei meiner bescheuerten Erklärung so lachen musste, dass er sich einen Zwerchfellriss zugezogen hat. Inzwischen hat aber der Mutterkonzern des Staubsaugerherstellers reagiert und in der Bedienungsanleitung all die Dinge verboten, die Menschen aus nicht nachvollziehbaren Gründen mit ihren Produkten so anstellen. Dummerweise kommt die Bezeichnung irgend einer Minderheit darin vor. Sofort geht das Geschrei los - Diskriminierung! Anruf der speziell dafür eingerichteten Diskriminierungsstelle. Ein erboster Brief an den Hersteller, der soll sofort das anrüchige Wort wieder heraus nehmen und zwar bei allen Produkten. Der einzige, der sich damit diskriminiert, ist der, der die Hand hebt: "Schaut her, ich werde diskriminiert!"

Bitte, Leute, lasst doch die Kirche im Dorf! Ich finde solche Stilblüten in Bedienungsanleitungen herrlich komisch. Wir wissen doch inzwischen alle, wie die entstehen. Mit Diskriminierung hat das nun wirklich nichts zu tun. Eher mit schlechter Übersetzung.
Diskriminierung kann nur stattfinden, wenn sie stattfindet. Wenn's keiner merkt oder sich dran stört, was soll's.
Außerdem, Diskriminierung heißt ursprünglich "Unterscheidung". Die negative Bedeutung des Wortes haben uns in den Sechzigern einige Pseudo-Intellektuelle eingebrockt. Die mit den Kinnbärtchen, die immer so betroffen waren. Ja, damals hatten alle Kinnbärtchen. Oder Pickel. Je nachdem, wie die Hormonbomben, die man zur Emfängnisverhütung einwarf sich mit den psychoaktiven Substanzen vertrugen, die wir zur Bewusstseinserweiterung einnahmen. Diese Typen, die mussten ja unbedingt ständig mit Fremdwörtern um sich werfen, deren Bedeutung ihnen nicht besonders wichtig war. Hauptsache, es klingt möglichst gelehrt und bedeutungsvoll. (Ha! Zwei Sätze ohne Fremdwörter geschafft - geht doch!)

Unterscheidung ist ein Teil unseres ganz normalen Lebens. Manchmal finde ich es sogar ziemlich merkwürdig, wenn sie unterbleibt.
Ein Beispiel? Gerne: Es gibt Herrentoiletten (für die ganz genauen: Toiletten für Menschen männlichen Geschlechts) und es gibt Damentoiletten (jaaa, ich weiß - für Menschen weiblichen Geschlechts).
Und es gibt Behindertentoiletten. Da waren wir alle schon mal drauf. Die sind von der Einrichtung her eigentlich behindertengerecht ausgestattete Damentoiletten, wenn man es genau nimmt.
Und was, bitteschön ist mit MenschInnen mit Behinderung männlichen Geschlechts? (auf deutsch: behinderte Männer)
Hat da schon mal jemand drüber nachgedacht?

Ich fühle mich durch diese skandalöse Praxis, die seit Jahren kommentarlos hingenommen wird, aufs Äußerste in meiner Identität herab gewürdigt und aufgrund der fehlenden Diskriminierung diskriminiert!

Sind wir Behinderten etwa asexuell? Oder vielleicht sogar unisexuell?
Haben Behinderte etwa kein Recht auf eine eigene sexuelle Identität?
Oder hat man uns vielleicht sogar unser eigenes, drittes Geschlecht verpasst?
Femin, maskulin, kaputtin?
Die Handbike-Hersteller haben das schon lange erkannt. Oder warum gibt es keine Damen-Handbikes?
Das ist eindeutig eine fortgesetzte Diskriminierung durch konkludentes Handeln.

Merkt ihr was?

Mal ganz im Ernst: Ich bin es ganz ehrlich langsam leid, jedes Wort, das ich sage oder schreibe, zu prüfen, ob sich nicht vielleicht irgendwer davon auf den Schlips getreten fühlt.
Wenn wir wirklich jedes einzelnes Wort auf die Goldwaage legen, dann wird unser armes Deutschland über kurz oder lang verstummen.

Übrigens: Gibt es irgendwo in Deutschland geschlechtsspezifische Behindertentoiletten? Ich hab noch keine gesehen.

Dafür weiß ich aber, was manche hessischen Landtagsabgeordneten in ihrer Freizeit machen. Nein, es hat wirklich nur ganz am Rand etwas mit großen Kanonen und kleinen, unschuldigen, verirrten, einheimischen Singvögeln (Passeridae) zu tun...