In welchem Jahrhundert leben wir eigentlich?
Kolumne vom 15.01.2012
Kürzlich lernte ich einen frisch verletzten Rollstuhlfahrer kennen, der in der Schweiz eine alternative Therapie kennen lernen wollte. Doch nicht die Therapie ist das Thema, das mich überraschte. Viel verblüffender war, was er außerdem erlebte.
Er war mit seiner Frau angereist. Die beiden wurden ganz selbstverständlich zu einem Gespräch eingeladen, bei dem ein Psychologe und ein Urologe teilnahmen.
Sie wurden aufgeklärt, was sich durch den Querschnitt in ihrem Zusammenleben
körperlich alles ändern würde. Das Thema Sexualität wurde als eigenständiger Problembereich sensibel von geschulten Fachkräften behandelt.
Und wie ist das in Deutschland?
von Robert Schneider
Als frisch verletzter Querschnitt wurde ich auf meine Fragen zunächst einmal von der Pflege an die Ärzte verwiesen. Die schickten mich zu den Urologen, die mich mit einem Haufen lateinischer Begriffe zutexteten.
Als ich nicht locker lies, landete ich schließlich, wie sollte es auch anders sein, bei denen, die immer dann Anlaufstelle sind, wenn sich niemand zuständig fühlt, bei der Ergotherapie. Dort hatte man wenigstens ein Buch für mich. Sehr medizinisch, sehr fachlich.
Aber Antworten auf meine Fragen, die habe ich stückweise meinen erfahreneren Mitpatienten aus der Nase ziehen müssen, um dann Spreu und Weizen im Selbstversuch zu trennen.
Später traf ich auf einen sehr sensiblen Urologen, der mir endlich mehr Hintergrundinformation gab. Er klärte mich auf, was aufgrund meiner Lähmungshöhe noch von meinem Körper zu erwarten war, aber auch was vermutlich nicht mehr funktionieren würde.
Er machte mit Mut, erklärte mir, dass sich die Sexualität umstellen lässt und wieder, auf
etwas andere Art, zu etwas werden kann, das sich als aktive Beziehung bezeichnen lässt.
Glücklicherweise habe ich eine Partnerin, die mit viel Geduld, Zärtlichkeit und Experimentierfreude gemeinsam mit mir diesen Weg ging und noch geht.
Aber ich bin ja nun nicht der einzige, der auf dieses Problem stieß. Aber einer muss es endlich mal aussprechen.
Was ist denn, wenn jemand aus dem vollen Leben in die Behinderung gestoßen wird?
Oder was geschieht mit behinderten jungen Menschen, die entdecken, dass da mit ihrem Körper etwas passiert, das sie sich nicht erklären können?
Was ist mit denen, die bei gleichaltrigen mitbekommen, dass sich sich irgendwie anders verhalten?
Ich habe inzwischen mit einigen Behinderten das Thema Sexualität offen besprochen und konnte den meisten schon alleine dadurch helfen, dass ich ihnen zuhörte.
Der eine oder andere Tipp rundete dann nur noch ab.
Viele fühlten sich alleine gelassen, manche trauten sich nicht, zu fragen, fühlten sich dabei einfach nicht wohl.
Andere erhielten keine oder nur unvollständige Antworten. In manchen Kliniken wird das Thema Sexualität wohl angesprochen, aber nur an Rande, rein technisch behandelt.
Warum?
Was passiert in meinem Körper?
Wie geht es weiter?
Wie geht es überhaupt?
Es stimmt, dass Behinderte untereinander sehr offen sind. Da werden Kathetertypen verglichen, Abführtechniken diskutiert, nur wenn das Zwischenmenschliche zur Sprache kommt, geraten die Gespräche ins Stocken.
Wenn ich sehe, wie verzweifelt viele versuchen, Antworten zu finden, Antworten zu einem Grundbedürfnis der menschlichen Existenz, dann frage ich mich: Sieht denn niemand, dass hier nicht nur ein Bedarf besteht, hier herrscht die helle Not.
In unserem so aufgeklärten modernen und offenen Land ist das Thema Sexualität immer noch ein Tabu, etwas Schmutziges, Unaussprechliches.
Sexualität und Behinderung, was soll das denn?
Das würde ja bedeuten, dass Behinderte eine eigene Sexualität hätten.
Das würde ja darauf schließen lassen, dass Behinderte Menschen mit individuellen Bedürfnissen sind, ja vielleicht kommt noch jemand auf die Idee, Behinderte hätten einen Anspruch auf Privatsphäre.
Das würde doch dem ganzen Konzept der automatisierten Einlagerung mit Übernahme sämtlicher Pflegezuschüsse widersprechen.
Das würde implizieren, dass sich Behinderte fortpflanzen.
Die Krankenkassen drehen, sobald das Thema Sexualität zur Sprache kommt, den Geldhahn zu. Das ist nicht überlebenswichtig, das ist nicht erstattungsfähig.
Kostenübernahme? Wie bitte?
Meinem leider viel zu früh verstorbenen Urologen hat ein Sachbearbeiter mal bedeutet, dass für solchen Schweinkram kein Geld da wäre. Das lasse ich jetzt einfach mal unkommentiert stehen, sonst beiße ich noch vor Wut in die Tastatur.
Mal ganz abgesehen davon, dass wir ohne Sexualität schon längst ausgestorben wären, es geht doch hier gar nicht nur um das alte "Rein-Raus-Spiel".
Sexualität, das ist Leidenschaft, Zärtlichkeit, Verlangen. All diese Dinge, die für uns als Fußgänger eine der Essenzen des Lebens waren, das soll jetzt weg sein? Zu Ende?
Und diejenigen, die behindert geboren wurden, sollen die keine Chance haben, diese wunderbare emotionale und physische Macht überhaupt kennen zu lernen?
Wer hilft ihnen zu verstehen, dass vielleicht das eine oder andere nicht so leicht oder gar nicht geht?
Wer hilft ihnen überhaupt, die Sexualität zu verstehen?
In anderen Ländern funktioniert das doch auch. In der Schweiz beispielsweise gibt es die berühmten blauen Pillen sogar als Pharmamuster zum Ausprobieren.
In den Niederlanden zahlt die Krankenkasse in bestimmten Fällen eine professionelle Hilfe.
In unseren Nachbarländern hat man erkannt, dass das Leben mehr ist, als ein Dach über dem Kopf und ausreichende Kalorienzufuhr.
"Ja wie? Die kümmern sich doch um Autos?", höre ich schon die Fragen.
"Warum kommt denn jetzt plötzlich das Gesülze über ein so unwichtiges Zeugs auf den Tisch?"
Weil es eben ganz und gar nicht unwichtig ist.
Und irgendwer muss ja mal die Klappe aufmachen.
Übrigens, medizinische Fortpflanzungsprobleme bei nicht behinderten fallen kassentechnisch gesehen in eine vollkommen andere Kategorie.
Leben wir wirklich im 21. Jahrhundert?






