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Wird die Ausbildung und Haltung von Assistenztieren verboten?

Kolumne vom 24.06.2012

Vorhin rief mich Kurt * an, der sich gerade gemeinsam mit einem Trainer einen Assistenzhund ausbildet. Der Hund ist noch sehr jung, aber mit den Grundlagen könne man nicht früh genug anfangen, sagt der Trainer. Kurt war ziemlich aufgebracht über die Reaktion einiger Menschen, die er als "militante Tierverhätscheler" bezeichnet. Das Ganze eskalierte, als er dem Hund verweigerte, an seinem Eis zu lecken.

von Robert Schneider

Kurt war mit seinem Assistenzwelpen auf seiner täglichen "Spazier"-Runde, die durch eine Grünanlage und über Gehwege führt. Auch die eine oder andere Straße muss er kreuzen, durch die tägliche Wiederholung ein natürliches Training. Sein menschlicher Assistent lief nebenher und hielt sich in Bereitschaft. Durch seine Muskelerkrankung wird Kurt täglich schwächer und möchte den Hund ausgebildet haben, solange er noch selbst die Leine halten kann.

Momentan reagiert sein Hund noch recht unentspannt auf manche Artgenossen, also nahm Kurt die Leine kurz, als ihm eine Spaziergängerin begegnete, die einen dieser "Hätschelhunde" an einer langen Aufrollleine zu bändigen versuchte. Statt mit ihrem Hund vorbei zu gehen, wie es jeder Hundebesitzer tun würde, der sich auch nur im Ansatz mit der Materie auskennt, begann sie, auf Kurt einzureden.
Man könne doch einen Golden Retriever nicht so kurz halten. (Kurts Dalmatinermischling sieht einem Golden Retriever nicht im Entferntesten ähnlich.)
Der Hund müsse doch rennen und spielen können. (Der Weg führt an einer viel befahrenen Straße entlang.)
Als sie sah, wie Kurt zur Unterstützung die Leine seines Hundes in den Rollstuhl einhakte, war es ganz aus. Sie begann zu keifen, das sei Tierquälerei und überhaupt nicht artgerecht.
Kurt entschied sich, die Dame zu ignorieren und fuhr einfach weiter.

An einer Eisdiele bat Kurt seinen Assistenten, doch für ihn und sich ein Eis zu kaufen. Der Hund bekam etwas Wasser in eine mitgebrachte Wasserschüssel.

Schon war die Hundehätschlerin wieder da, dismal hatte sich sich noch Unterstützung mitgebracht, alles sehr stylische Damen, eine die Frisur im gleichen Ton, wie die Krone ihres Pudels, alle die Leinen der Hunde aus demselben Material, wie die Handtaschen. Selbstverständlich bekamen ihre Hunde eine große Eisportion - mit Sahne.

"Das gibt es doch nicht, das ist Tierquälerei! Schaut doch mal, das arme Tier ist am Rollstuhl angebunden - und darf noch nicht einmal am Eis lecken." Eine der Damen holte ihr Handy aus der Handtasche und begann zu telefonieren. "Kommen sie schnell, da ist ein Rollstuhlfahrer, der seinen Hund aufs Übelste quält. Kann man diesen Menschen das nicht verbieten? Nachher soll er ihm noch die Tür aufmachen oder die Zeitung holen. Das ist doch nicht artgerecht."

Kurt wurde das alles zu viel. Es ging gar nicht um den Hund. Die "Damen" entrüsteten sich, dass so einer, ein Mensch mit Behinderung, ein Tier halten darf. Das ginge überhaupt nicht. Und Tiere abrichten, damit sie diese Krüppel auch noch bedienen, das sei wohl der Gipfel. Aber man sei ja Fördermitglied des Tierschutzvereins, da ließe sich bestimmt etwas machen. Und der Mann der Freundin könnte als Stadtrat bestimmt etwas in die Wege leiten.

Ganz langsam beginnt man in Deutschland das Konzept der Assistenztiere zu begreifen. Bei Blindenhunden ist die Diskussion schon lange durch. Das juckt keinen, da wird höchstens gefragt, wenn jemand ohne Hund kommt. Viele Hotels, die keine Tiere auf den Zimmern dulden, machen bei Blindenhunden selbstverständlich eine Ausnahme. Das seien eigentlich ja gar keine richtigen Hunde, meinte einmal ein Hotelier. Die lägen irgendwo zwischen Familienmitglied und Hilfsmittel. Das Beispiel hinkt zwar auf allen vier Beinen, aber wenn es ihm hilft, das Konzept zu verstehen, dann ist das in Ordnung.

Natürlich ist ein Tier nicht dazu geboren, Türen zu öffnen, die Fernbedienung zu apportieren, oder ein Getränk aus dem Kühlschrank zu holen. Viele Tiere wollen arbeiten, empfinden  Freude dabei, zu lernen und ihren Besitzer oder ihre Besitzerin aktiv zu unterstützen. Ob das als artgerecht zu bezeichnen ist? Ich weiß es nicht, so gut kenne ich mich nicht damit aus, ob ein Tier Schaden nimmt, wenn es lernt, einen herunter gefallen Löffel aufzuheben, oder jemandem die Strümpfe auszuziehen. Ich weiß auch nicht,ob genügend Kühlschränke, Getränkedosen und Fernbedienungen in der freien Natur vorkommen, um sie als natürlich zu bezeichnen.

Ich weiß nur, sollte es jemals zu einem Streit kommen, was stärker wiegt, die artgerechte Tierhaltung oder der Bedarf eines behinderten Menschen, dann steht es außer Frage, wer die größere Lobby hat. Dan ziehen die Menschen mit Behinderung mal wieder den Kürzeren, wie üblich.

Oder haben sich die militanten Tierhätschler nur darüber geärgert, dass sie mit ihren bellenden Handtaschen nicht in ein Hotel kamen, ein sehbehinderter Mensch mit Blindenhund aber doch?

Um etwas klar zu stellen, ich bin selbst Tierschützer, bin gegen Legebatterien, Walfang - und die Vermenschlichung von Tieren. Das Konzept der Assistenztiere finde ich großartig, solange die Tiere ausgebildet und nicht abgerichtet werden.

Ich habe die Frage schon öfter gestellt, so langsam kann ich sie auswendig:

In welcher Welt leben wir eigentlich?

 

 

* Name geändert