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Verschwörung aufgedeckt - Behinderte als politische Agitatoren

Kolumne vom 20.04.2013

Was war das mit den Behinderten bisher so bequem. Friedlich lagen sie in ihren Betten, füllten die Kassen der Heimbetreiber, hatten keine eigene Meinung und waren dankbar für ein Dach über dem Kopf und leidlich gefüllte Mägen.

von Robert Schneider

Dann kamen einige auf die verrückte Idee, ganz spontan die unsinnigsten Orte aufsuchen zu wollen. Den runden Geburtstag der Erbtante, den ersten Schultag der Patenkinder. Ja manche glaubten wirklich, sie könnten ihr Leben selbst bestimmen.

Zum Glück hatten die Sozialbehörden das Problem fest im Griff. Schließlich gibt es ja Fahrdienste, die schon mit den Transporten zu den Behindertenwerkstätten oder Tagesheimen gut beschäftigt waren. Für individuelle Fortbewegungswünsche gab es überhaupt keinen Anlass.

Aber ein paar geldgierige Autobastler fingen an, private Fahrzeuge auf verbrecherische Art so zu manipulieren, dass die Behinderten diese selbst bedienen konnten. Heimlich nahmen sie Maß, ohne dass die an den Rollstuhl Gefesselten sich wehren konnten. Aber das Unglück war kaum noch aufzuhalten. Einmal hinter dem Steuer waren die armen Menschen mit einem weiteren Leid infiziert. Sie bildeten sich ein, selbst über ihr Leben bestimmen zu können. Abtrünnige Advokaten zwangen die Lehnsherren sogar dazu, den Behinderten eigenes Personal zu bezahlen, wodurch diese in eigenen Häusern leben mussten und nicht mehr in den schönen Heimen wohnen konnten.

Es half nichts, das Ungeheuer der Selbstbestimmung war erwacht und reckte sein hässliches Haupt bis hin zu den Vereinten Nationen. Doch die Verschwörer waren schlau. Sie erzählten den Behinderten, dass das Wort 'behindert' eine Diskriminierung sei.
Die Behinderten verlangten auf ihre Einflüsterung hin, dass man sie als Menschen mit Behinderung bezeichnen möge. Dies zum Zeichen, dass alle Welt sähe, Behinderte seien auch Menschen. Dass sie von jeher Menschen waren, nur mit unterschiedlichen Eigenschaften, das verschwiegen die Verschwörer in ihrer Niedertracht.
Dann hätten sie nämlich auch erklären müssen, dass das Wort 'Diskriminierung' ursprünglich nämlich nichts anderes heisst, als 'Unterscheidung'.

Immer, wenn jetzt Behinderte auf die Idee kamen, der Welt zu zeigen, dass sie selbst gar keine fremden Bestimmer brauchen, sondern ganz gut über sich selbst bestimmen konnten, mussten die Verschwörer ihnen nur sagen, dass schon wieder jemand sie diskriminierte.

So stand auf einem Auto das Wort 'Behindertentransport' "Oh, wehe", riefen die Behinderten. "So etwas sagt man nicht. Sachen werden transportiert. Wir sind Menschen mit Behinderungen und wir werden befördert!"

Dann begannen die Leidenden am Rande der großen Berge, sich ebenfalls gegen ihre Lehnsherren aufzulehnen. Dabei hatten die doch extra ein paar schöne neue Heime geplant, damit die armen Geschöpfe ihr Leid untereinander teilen konnten. Doch die Feudalherren waren darauf vorbereitet. Schon lange hatten sie eigens Leute ernannt, um diese Frechheiten zu unterbinden. Diese Verhinderungsbeauftragten waren beauftragt, die Behinderten, so lange mit den die lustigsten Verordnungen zu unterhalten, bis sie vergaßen, weshalb sie denn gekommen waren. Fröhlich packten die alle möglichen Bestimmungen und Erlässe aus und mischten sie in einem turbulenten Spiel so durcheinander, dass die Behinderten ihre rechte Mühe hatten, die Texte wieder in den richtigen Zusammenhang zu bringen. Alle hatten ihren Spaß und es wurde einmal mehr verhindert, dass die Behinderten sich wieder so utopische Sachen ausdenken.

Und so geht es heute noch. Jedes Mal, wenn die armen Tröpfe auf die verschrobene Idee kommen, selbst über sich bestimmen zu wollen, flugs fällt wieder jemanden ein, die Tante der Nachbarin des Gärtners hätte gehört, wie zum Onkel des Schmiedes jemand beispielsweise gesagt hätte, die Behinderten sollen unter sich bleiben.
Und weil sie das ganz laut allen erzählen, rufen flugs alle Behinderten wieder im Chor, das sei Menschen verachtend und böse und gemein. Keiner kümmert sich mehr darum, was diese bösen Rebellen da mit ihrer merkwürdigen Inklusion meinen.

Aber so etwas kann in dieser unserer Republik nicht passieren. Die Menschen hier würden so leicht erkennbare Rhetoriken sofort erkennen und sich davon nicht ablenken lassen. Außerdem stehen unsere Behindertebeauftragten den behinderten Menschen mit Rat und Tat zur Seite und helfen ihnen gerne durch das Labyrinth der Gesetze. Unsere Politiker würden auch nie die Kraft der Masse von über 10 Millionen Menschen unterschätzen, die entweder selbst eine anerkannte Behinderung haben oder für ein Kind mit einer Behinderung verantwortlich sind.

Oder nicht?