Segeltörn

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Segeltörn mit dem ersten rollstuhlgeeigneten Segelschiff Deutschlands, der "Wappen von Ückermünde"

Wappen von ÜckermündeNach 1 ½ h Anfahrt aus Berlin lag die "Wappen von Ückermünde" vor uns. Am Kai des Stadthafens der gleichnamigen Stadt machte sie einen wesentlich größeren Eindruck, als wir es uns vorgestellt hatten. Unsere Crew, bestehend aus 5 Frauen und 3 Männern (2 aktive Rollifahrer und 6 Fußgänger) wurde bereits von der zweiköpfigen Stammbesatzung des Schiffes erwartet.

Zwei Behindertenparkplätze gegenüber dem Anleger ermöglichten es uns, unsere Fahrzeuge abzustellen und unser Gepäck und den hoffentlich ausreichenden Proviant direkt auf das Schiff zu verfrachten. In unserer Verantwortung lag die Verpflegung der gesamten Besatzung, was uns einige Sorgen bezüglich der eingekauften Menge bereitete.

Über eine Rollirampe gelangten die beiden Rollstuhlfahrer bequem auf den Kai. Um auf das Schiff zu kommen, standen ihnen zwei Möglichkeiten zur Verfügung:

  • über einen schwenkbar gelagerten Kranbalken, genannt Davit, oder
  • eine mobile Holzrampe.

Vom Käpt’n und seiner Steuerfrau wurden wir herzlich begrüßt und das "Du" war dabei an Bord obligatorisch.

TreppenliftNach einer kurzen Einweisung in die bordeigenen Abläufe machte sich die Crew zunächst mit der Benutzung der Treppenlifte vertraut. Wir verstauten unser Gepäck, verteilten die Kojen und dann ging es auch schon richtig zur Sache.

Leinen einholen, ablegen und Fahrt aufnehmen. Motorisiert ging es zunächst über die schmale Ücker hinaus auf’s Stettiner Haff. Während dieser Ausfahrt mussten wir die erste Disziplin üben, das Aufrollen der Leinen zu Schnecken. Bei herrlichstem Sonnenschein fand dann die Unterweisung in die Funktion der Schwimmwesten auf dem Vorschiff statt.

Mit Verlassen der mit Bojen gekennzeichneten Fahrrinne hieß plötzlich das Kommando „Alles klar zum Segel setzen". Wer konnte, musste kräftig mit anpacken – kurbeln, ziehen, Klampen belegen. Selbst die Rollifahrer wurden, so fern es möglich war, mit eingespannt.

Besan-, Vorbesan-, Klüver- und Focksegel wurden von uns unerfahrenen Seglern unter Anleitung der Stammcrew nacheinander gesetzt und so schipperten wir anfangs gemütlich vor dem Wind über das Haff. Nach erfolgreich getaner Arbeit belohnten wir uns dann erstmal mit einer Pause - heißem Kaffee und leckeren Keksen. Der Käpt’n konnte sich wegen der „benötigten" Pause ein leichtes Grinsen nicht verkneifen, aber dem Kaffeeduft auch nicht widerstehen. Er machte uns jedoch auch gleich klar, dass noch eine Menge Arbeit auf uns zukommen würde.

Simone Ahrens am RuderSimone hatte nun schon seit einer Stunde das Steuer übernommen, während der Rest der Crew die Sonne und die Ruhe an Deck genoss. Unvermittelt hieß das Kommando: "Klar zur Wende", was einige fragende Blicke und eine gewisse Ratlosigkeit zur Folge hatte. Kurz und präzise gab der Käpt’n seine Anweisungen und wir Leichtmatrosen versuchten nach besten Kräften, diese umzusetzen.

Fortan kreuzten wir am Wind in Richtung Anklam und begriffen, dass wir keine Pauschaltouristen, sondern aktive Mitglieder der Schiffsbesatzung waren. Da wir auch für die Verpflegung der kompletten Crew verantwortlich waren und die Uhr bereits 15 Uhr zeigte, wurden 3 Leute in die Kombüse "abkommandiert". Das Kochen an Bord gestaltete sich als Herausforderung aufgrund der in kurzen Abständen stattfindenden Wendemanöver. Nur diverse Stricke verhinderten ein Herunterrutschen der Kochtöpfe vom Herd. Aber die Küchencrew meisterte diese Aufgabe und so gab es mit einiger Verspätung doch noch Mittagessen. Die Spaghetti mit Pesto sowie der Salat schmeckten nach der vielen frischen Luft und der harten Arbeit wie ein 5-Sterne-Menü.

Mit vollem Magen und aufgewärmt kreuzten wir weiter bis zur Fahrrinne Richtung Peenemündung und näherten uns dem schon lange sichtbaren Punkt am Horizont, der alten im zweiten Weltkrieg zerstörten Eisenbahnbrücke.

Da das Kreuzen in der Fahrrinne unmöglich ist, legten wir den Rest der Tagesetappe, nachdem wir die Segel eingeholt hatten, motorisiert zurück. Während wir gemächlich unserem Ziel entgegen tuckerten, genossen wir die Natur um uns herum. Ein beeindruckendes Schauspiel waren die zahllosen Kormorane, die in wellenförmigen Formationen ihrer Kolonie entgegen flogen, welche schon von Weitem an den abgestorbenen, weißen Bäumen erkennbar war.

Abendbrot in der MesseVorbei an einer Segelregatta, der zerstörten Eisenbahnbrücke und den Ufern von Usedom, kam unser Ankerplatz immer näher. Im Licht der untergehenden Sonne gingen wir in einer kleinen Bucht neben der Zecheriner Brücke nach Usedom vor Anker. Mit zunehmender Dunkelheit stieg aus dem spiegelglatten Wasser dichter Nebel auf, der das Schiff umhüllte und die Geräusche dämpfte. Nur das Satellitennavigationssystem zeigte uns an, dass wir unsere Position unverändert beibehielten.

Nach einem leckeren Abendbrot ließen wir den Tag bei Wein und ein wenig "Klönsnac"" mit dem Käpt’n gemütlich im Steuerhaus ausklingen und manch einer fand trotz der vielen Mücken den Weg in die Koje nicht vor Mitternacht. Im "bläulichen Schimmer" der Nachtbeleuchtung fiel das Einschlafen nicht leicht.

Segel im WindEin traumhafter Sonnenaufgang am nächsten Morgen, die Ruhe und das Erwachen der Natur gaben uns das Gefühl, weit weg zu sein vom Alltag und ließen uns an Urlaub denken. Nach und nach fand sich die Crew an Deck ein und genoss die wärmenden Sonnenstrahlen. Der frische Morgenkaffee und ein ausgiebiges Frühstück mobilisierten unsere Kräfte für die kommenden Aufgaben des Tages.

Unser Käpt’n lichtete höchstpersönlich den Anker und ließ Kurs auf den Heimathafen Ückermünde nehmen. Über Funk informierte er sich über den aktuellen Schiffsverkehr auf dem Haff. Nach Verlassen der Fahrrinne konnten wir aufgrund der günstigen Windverhältnisse unter vollen Segeln fahren. Das Segelsetzen klappte im Vergleich zum Vortag schon wesentlich besser, da bereits jeder wusste, wo er zupacken musste.

Viele Segler ließen sich von dem schönen Sonntagmorgen aufs Haff hinauslocken. Unter den vielen, kleineren Jollen erregte die "Wappen von Ückermünde" schon einiges Aufsehen. So manch ein Schiff auf gleichem Kurs ließen wir hinter uns, was uns noch mehr anspornte und den Ehrgeiz weckte, ebenso perfekte Wenden hinzulegen.

Carsten Mende und Helmut Rebmann am RuderCarsten und Helmut, unsere beiden Rollifahrer, die nun das Schiff steuerten, packte plötzlich der Geschwindigkeitsrausch, denn das Schiff "schoss" mit 7 Knoten und einer Neigung von 13° durch die Wellen. Das plötzliche Kommando zur Wende sorgte für allgemeinen Unmut. Bei den beiden Steuerleuten, weil nun die Fahrt verlorenging und beim Kombüsenteam, weil sich sämtliche losen Gegenstände wie Töpfe, Teller und Salatschüsseln verselbständigten. Die Zahl der Arme reichte nicht aus, alles festzuhalten und so kam es zu lautstarken Protesten aus dem Bootsrumpf. Wir standen wahrlich kurz vor einer "Meuterei"!

Da nun der Wind etwas zulegte, ließ der Käpt’n das Hauptsegel, Wishbone genannt, einholen, um eine zu starke Neigung des Schiffes zu vermeiden und ein entspanntes Mittagessen zu ermöglichen.

Carsten Mende am RuderDer nun folgende Streckenteil erforderte volle Konzentration, da es hieß, zwischen den Stellnetzen der Fischer hindurch zu manövrieren. Teilweise waren die Bojen im reflektierten Sonnenlicht schlecht zu erkennen, doch auch diese Aufgabe löste das Team, angeführt von Carsten, mit Bravour.

Je mehr wir uns Ückermünde näherten, desto mehr flaute der Wind ab. Wir kamen zum Stillstand und mussten die Segel komplett einholen. Nur mit Motorkraft ging es jetzt voran. Langsam und unaufhaltsam neigte sich unser Segeltörn dem Ende zu. Die Mündung der Ücker ist ein beliebter Aussichtspunkt für Sonntagsspaziergänger, für die das Einlaufen der "Wappen von Ückermünde" eine kleine Attraktion war.

Die ReisegruppeSimone hatte schon auf dem Haff das Steuer übernommen und bekam nun die Aufgabe, in den Hafen einzufahren, das Boot zu wenden und das Schiff anzulegen. Mit einem flauen Gefühl im Magen verließ sie sich auf die Anweisungen des Kapitäns. Eine Wende im Hafen, durch ein Vollgasmanöver eingeleitet, ließ das Schiff eine elegante 180° Drehung vollziehen. Den krönenden Abschluss bildete das Anlegemanöver zwischen einer ankernden Autofähre und einem Polizeiboot, was Simone dank der ruhigen Ausstrahlung des Kapitäns auf Anhieb gelang und mit "tosendem" Beifall der Schiffsbesatzung quittiert wurde.

Zum Abschluss unseres Törns setzten wir uns zum Kaffetrinken gemeinsam an den Kai und genossen die letzten Sonnenstrahlen.

Unsere Erfahrungen und unser Fazit:

  • Einmaliges Gemeinschaftserlebnis und eine sympathische Crew
  • 2 Rolliparkplätze direkt am Anleger
  • Rampe zum Bootsanlegeplatz und zum Schiff
  • 2 Treppenlifte zum Hinter- und Vorderschiff, Schiff somit komplett befahrbar
  • In unserer Konstellation kamen wir Rollifahrer gut zurecht, ein dritter Rollifahrer wäre auch bequem möglich gewesen. Nach unserem Ermessen liegt hier die Grenze, wobei wir ausdrücklich nicht für andere Gruppen sprechen können.
  • Optimal für Rollifahrer mit einer guten Restmobilität, passive Rollifahrer benötigen eine sehr gute Assistenz, da Kojen, Toilette und Dusche sehr beengt sind
  • Die Proviantempfehlung auf der Homepage des Reeders sollte wortwörtlich genommen werden. Fertiggerichte aus der Dose sind schneller zubereitet, da weniger aufwändig
  • Eine Luxuskreuzfahrt wird hier nicht geboten, gewisse Einschränkungen sind auf einem Abenteuertrip unvermeidlich.
  • Behindertentoiletten im Ückermünder Hafen nicht benutzbar, da Euroschlüssel nicht passt
  • Wir ziehen eine einwöchige Reise durchaus in Erwägung, wenngleich auch die Ostsee grausam sein kann!

Nähere Informationen finden sich unter http://www.rollisegler.de/